Warum Deine Patienten sich gegen Veränderungen wehren

– und 7 proaktive Schritte, die Deinen Patienten helfen können – Teil 2

Immer wieder haben Behandlerinnen und Behandler Grund zur Klage darüber, dass ihre Patienten bzw. Klienten nicht genügend mitarbeiten, wenn es darum geht, neue, gesündere Verhaltensweisen einzuführen.

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich dieses Phänomen genau beschrieben und zwei wichtige Schritte aufgeführt, mit denen es Dir gelingen wird, Veränderungen für Deine Patienten und Klienten womöglich leichter zu machen.

Die ersten beiden Schritte waren:

1. Ein Belohnungssystem entwickeln

2. Die intrinsische Motivation stärken

Heute möchte ich Dir die Schritte 3-5 zeigen:

3. Eine mächtige Frage: Vor was hast Du Angst?

In den allermeisten Fällen ist die Angst vor Veränderung direkt verbunden mit der Angst vor Unsicherheit. Wenn Du über Deine Patienten und Klienten nachdenkst: allein die Tatsache, dass sie zu Dir in die Praxis gekommen sind, zeigt, dass sie absolut wissen, dass ihre derzeitige Situation in keiner Weise gut für sie ist. Sie haben eine – wenn auch vage – Vorstellung davon, wie Sie sich wirklich fühlen sollten.

Und trotzdem haben sie überhaupt keine Ahnung davon, wie Sie von dem Punkt, an dem sie jetzt stehen zu dem Punkt kommen sollen, an dem sie gerne wären.

Übrigens, wenn ich sage, sie haben keine Ahnung, dann ist das etwas missverständlich. Denn die Tatsache ist diese: im Zeitalter von Google und Co. haben sie sich sehr oft schon selber eine Diagnose gegeben und eine vermeintliche Therapie bereits ausgesucht – und daraufhin kommen Patienten dann zu Dir, und Du sollst quasi der „Erfüllungsgehilfe“ sein. Und das ist eine nicht wirklich optimale Ausgangssituation, für Dich, in der Position des Helfenden. In unseren Trainings nenne ich dieses Phänomen „Die Reise des Patienten 2.0“ und zeige dort, wie man zuverlässig aus der Position des „Erfüllungsgehilfen“ wieder herauskommt. Es ist übrigens dieses Phänomen eine unbewusste Reaktion auf die innere Angst vor Veränderung. Wenn ich mir selber die Diagnose auf irgendwelchen Foren bzw. Gesundheitsseiten stelle, und mir gleich die passende Therapie aussuche, behalte ich die Kontrolle. Und wir alle wissen, dass Angst verschwindet, wenn ich wieder die Kontrolle habe. Leider werden Deine Patienten bzw. Klienten auf diese Weise nicht gesund.

Deshalb ist es sehr wichtig, die Ängste Deiner Patienten / Klienten direkt anzusprechen. Im strategischen Vorgespräch, so wie ich das lehre, passiert genau das: die Ängste vor Veränderung werden ganz klar angesprochen und benannt und können so in die Gesamtstrategie der Veränderung integriert werden.

Wir müssen uns klarmachen, dass in Menschen drei unterschiedliche Gefühle wirksam sind, die jede Art von Veränderung antreiben:

  1. Die Angst etwas zu verlieren
  2. Die Vorfreude, etwas Neues zu erreichen
  3. Das Vertrauen in unsere eigenen Stärken

Von allen drei Motivatoren, ist die Angst mit Sicherheit der stärkste. Denn die Realität ist doch diese: Patienten und Klienten kommen nicht in Deine Praxis, weil sie sich darauf freuen, etwas Neues erreichen zu können. Und sie kommen auch nicht, weil sie in ihre eigenen Stärken vertrauen.

Der wirkliche Grund, warum sie zu Dir kommen und bereit sind, Geld auszugeben ist der, dass sie Angst haben, etwas zu verlieren, was ihnen wichtig ist: ihre Gesundheit, ihren Job, den Partner – die Partnerin etc.

Auf der einen Seite steht also die Angst, etwas Wichtiges zu verlieren – und auf der anderen Seite steht die Angst vor Veränderung. Deine Aufgabe ist es, Deinen Patienten und Klienten zu zeigen, dass die Angst vor Veränderung etwas ist, durch das sie hindurch gehen dürfen, -dank Deiner Begleitung- , um die Gefahren abzuwenden, etwas zu verlieren, was ihnen wichtig ist.

Das solltest Du bereits im ersten Gespräch mit einem Patienten und Klienten tun: zeig Ihnen, dass die Angst etwas zu verlieren, was ihnen wichtig ist, sehr viel realistischer ist, als die Angst vor Veränderung. Denn in Dir haben Sie einen Experten, eine Expertin, spezialisiert darauf, sie professionell und sicher durch den Veränderungsprozess hindurch zu begleiten.

4.    Fokus auf das Hier und Jetzt

Und jetzt sagst Du vielleicht: „Ja, ich weiß, man soll sich immer auf das Hier und Jetzt fokussieren.“

Und damit hast Du natürlich recht. Doch wenn es darum geht, der Angst vor Veränderung zu begegnen, dann passiert es sehr oft, dass uns Selbstzweifel in unserem Entschluss entmutigen, unser Leben zum Besseren hin zu verändern. Und diese Selbstzweifel entstehen in diesem Fall dadurch, dass wir unsere eigene Persönlichkeit an der Vergangenheit kalibrieren. Nach dem Motto: ich habe das bisher nicht geschafft, warum sollte ich das in der Zukunft schaffen.

Immer wenn wir in der Vergangenheit leben, erinnern wir uns an vergangene Fehler. Und dann sorgen wir uns darum, diese Fehler zu wiederholen, und das macht es sehr schwer, durch die Veränderung hindurch zu gehen.

Angenommen, es käme jemand zu Dir, der abnehmen wollte, dann könnte das so aussehen: „Ich war bereits als Kind dick, warum sollte es mir heute gelingen, dauerhaft schlank zu sein?“

Und hier müssen wir natürlich aufpassen, dass wir uns von diesen selbsterfüllenden, vergangenheitsbezogenen Projektionen auf die Zukunft nicht anstecken lassen. Denk immer daran: Du bist im Hoffnungs- Business. Deine Aufgabe ist es nicht, die düsteren Zukunftsprognosen Deiner Patienten und Klienten zu übernehmen, sondern sie mithilfe Deiner Fähigkeit, Hoffnung zu wecken, gewissermaßen ins gelobte Land zu führen.

Wenn Deine Patienten bzw. Klienten sich zu sehr an die Vergangenheit klammern, dann blockiert es sie darin, in der Gegenwart, also im jetzt solche Handlungen zu unternehmen, die Ihnen helfen könnten, dauerhafte Verbesserungen zu erreichen.

Auf der anderen Seite: wenn Patienten zu sehr auf die Zukunft fokussiert sind, dann fühlen sie sich meistens überwältigt von den möglichen Veränderungen, die sie erreichen könnten.

Wir müssen uns folgendes klarmachen: die traurige Wahrheit ist die, dass die meisten Menschen sich in dem Zustand, in dem sie zu Dir kommen, im Prinzip schon eingerichtet haben. Der einzige Grund, warum sie zu Dir kommen ist der, dass dieser Zustand zum noch Schlechteren hin zu kippen droht bzw. schon gekippt ist. Sich dann vorzustellen, dass es viel besser werden könnte, führt dann oft dazu, dass sie sich im wahrsten Sinne des Wortes überwältigt fühlen.

Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir folgendes bedenken:

Wir alle kennen das Phänomen des sekundären Krankheitsgewinn. Die Krankheit nimmt Menschen etwas, sie gibt Ihnen aber auch gleichzeitig etwas.

Ein Beispiel: jemand leidet einerseits unter den Kopfschmerzen, hat aber andererseits dadurch eine sozial akzeptierte Möglichkeit, sich ohne Schuldgefühle für eine Weile eine Auszeit aus Beziehungen nehmen zu dürfen.

Wenn die Kopfschmerzen jetzt in der Zukunft für immer verschwinden würden, stellt sich die Frage, wie kann sich der Patient dann noch auf sozial akzeptierte Weise zurückziehen?

Deshalb ist es wichtig, in der Behandlung beide Perspektiven mit einzubauen: inwiefern wird einerseits die Vergangenheit zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung für die Zukunft. Und andererseits: inwiefern ist die Zukunftsperspektive durch einen Zustand von Gesundheit zu überwältigend für das Vorstellungsvermögen Deiner Patienten.

Wenn beide Aspekte bereits zu Beginn der Behandlung klar und transparent angesprochen und benannt werden, wird das die Angst vor Veränderung sehr stark reduzieren. Es wird Deinem Patienten dadurch besser gelingen, im Hier und Jetzt zu bleiben und Du wirst feststellen, dass sie sehr viel besser mit Dir und Deinem Behandlungsplan kooperieren.

Und das bringt uns zum fünften Schritt:

5.    Schluss mit der Aufschieberitis

Der wirkliche Ort, an dem Veränderungen stattfinden, ist das Hier und Jetzt.  Das Problem ist, dass bei den meisten Beschwerden die Handlungen, die Deine Patienten und Klienten zur Unterstützung Deiner Arbeit im eigenen Alltag unternehmen müssen keine unmittelbare, sofort sichtbare Verbesserung ihres Zustands bewirken.

Denn es braucht unter Umständen eine ganze Weile, bis die ersten erwünschten Verbesserungen sichtbar sind. Und es ist leider so, dass wenn wir keine sofortige Verbesserung durch eine – als unangenehm oder zumindest lästig empfundene – Handlung erleben, wir dazu neigen, diese Handlungen zu „vergessen“.

Das Problem hierbei ist, dass die Handlungen, die jemanden krank machen, eine sofortige Belohnung versprechen. Ist klar: jeder weiß, dass eine Zigarette zu rauchen langfristig krank macht. Aber kurzfristig gesehen geht es dem Raucher, wenn er die Zigarette inhaliert, erst einmal besser.

Auf der anderen Seite sind Handlungen, die jemanden gesund machen in den meisten Fällen nicht von einem sofortigen Erfolgserlebnis gekrönt. Und deshalb werden sie gerne „vergessen“.

Und noch schlimmer: auch das Vergessen dieser Handlung führt nicht zu sofortigen gesundheitlichen Nachteilen. Aber würde ein Raucher seine Zigarette vergessen, wenn er das drängende Gefühl hat, sich eine neue Zigarette anzustecken?

Und darin liegt das ganze Problem.

Deshalb ist es wichtig, Deinen Patienten und Klienten wirklich Hilfsmittel an die Hand zu geben, die sie daran erinnern können, die Handlungen zu unternehmen, die es zur Unterstützung des Behandlungserfolgs braucht.

Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, gerade in der Anfangsphase kritischer Veränderungen die Termine sehr engmaschig zu legen. Denn viele Klienten und Patienten springen darauf an, dass sie von Dir Lob und Anerkennung dafür bekommen, dass sie sich kooperativ gezeigt haben. Wenn dann die Behandlungsintervalle zu lang sind, ist dieser Effekt dahin.

Und ein weiterer Nachteil liegt in langen Behandlungsintervallen: wenn es bei Deinen Patienten und Klienten aus dem Ruder gelaufen ist, dauert es viel zu lange, um korrigierend einwirken zu können.

Deshalb rate ich Dir folgendes: gerade in der kritischen Phase, also am Anfang von Veränderungsprozessen, sollte Deine Behandlung sehr engmaschig, aus vielen Terminen bestehen. Bewährt hat sich dabei der wöchentliche Rhythmus.

Probier diese Schritte einmal in Deiner Praxis aus. Im nächsten Artikel werde ich Dir dann die letzten beiden Schritte zeigen.

Bis dann,

Herzlichst Dein Alexander Mark


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